Zu den rätselhaftesten Zeugnissen der sardischen Frühgeschichte zählen die Gigantengräber (Tombe dei Giganti). Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist S’Ena e Thomes, gelegen im Gebiet von Dorgali, eingebettet in eine sanfte Hochebene oberhalb des Tals des Rio Isalle. Das Monument gilt als eines der schönsten und am besten erhaltenen dolmenartigen Grabbauten der nuragischen Kultur – kraftvoll, monumental und von einer fast archaischen Präsenz.

Monumentale Architektur

S’Ena e Thomes beeindruckt bereits auf den ersten Blick durch seine Größe und Harmonie. Die halbkreisförmige Exedra, deren Form häufig als stilisierte Stierhörner gedeutet wird – ein zentrales Symbol der nuragischen Spiritualität –, misst über zehn Meter in der Breite. Im Zentrum erhebt sich die monumentale Stele, fast vier Meter hoch und mit einem geschätzten Gewicht von rund sieben Tonnen. Diese zyklopischen Dimensionen erklären eindrucksvoll, warum diese Grabbauten seit Jahrhunderten als „Gigantengräber“ bezeichnet werden.

Trotz ihres Alters befindet sich die Anlage in bemerkenswert gutem Zustand und vermittelt eine sehr klare Vorstellung davon, wie sie vor fast vier Jahrtausenden gewirkt haben muss.

Funktion und Bedeutung

Entgegen vieler volkstümlicher Legenden, die S’Ena e Thomes mit mythologischen Wesen oder Riesen in Verbindung bringen, waren Gigantengräber kollektive Bestattungsstätten. Archäologische Forschungen legen nahe, dass es sich jedoch nicht um Friedhöfe im modernen Sinn handelte. Vielmehr war die Bestattung in solchen Monumenten vermutlich einer kleinen, privilegierten Elite der nuragischen Gesellschaft vorbehalten – möglicherweise religiösen oder politischen Führungspersönlichkeiten.

Die starke spirituelle Ausstrahlung des Ortes hat über Jahrhunderte zahlreiche Mythen hervorgebracht, die bis heute Teil der lokalen Erzähltradition sind.

Ausrichtung und Zeitstellung

Eine Besonderheit von S’Ena e Thomes ist seine Ausrichtung. Während die meisten Gigantengräber nach Südosten orientiert sind, zeigt dieses Monument exakt nach Süden. Einige Forscher vermuten einen Zusammenhang mit dem Sonnenuntergang zur Sommersonnenwende, was auf eine astronomisch-rituelle Bedeutung hindeuten könnte.

Die Errichtung wird in die frühe Bronzezeit (ca. 1800–1600 v. Chr.) datiert. Archäologische Untersuchungen, die Ende der 1970er-Jahre begannen, brachten Keramikfragmente aus verschiedenen Epochen zutage. Sie belegen, dass der Ort über einen sehr langen Zeitraum genutzt wurde – vermutlich sogar bis ins Mittelalter hinein.

Eine Landschaft voller Stille

Die Lage von S’Ena e Thomes verstärkt seine Wirkung erheblich. Umgeben von unberührter Natur, weiten Wiesen und der offenen Landschaft des inneren Sardiniens, liegt das Grab fernab moderner Infrastruktur. Diese Abgeschiedenheit verleiht dem Ort eine besondere Ruhe und verstärkt das Gefühl, an einem Platz von tiefer historischer und spiritueller Bedeutung zu stehen.

Ein Besuch mit Mehrwert

S’Ena e Thomes ist kein spektakuläres Monument im lauten Sinn, sondern ein Ort, der sich langsam erschließt – durch Stille, Weite und Geschichte. Wer Sardinien jenseits der Küsten entdecken möchte, findet hier einen Schlüssel zum Verständnis der nuragischen Kultur und ihrer komplexen Beziehung zu Tod, Gemeinschaft und Kosmos. Besonders im Rahmen kultureller Veranstaltungen in der Barbagia lässt sich der Besuch ideal mit regionalen Traditionen verbinden.

 

Ähnliche Artikel