Nur wenige Kilometer nördlich von Alghero, verborgen zwischen Weinreben und Feldern, öffnet sich ein Reich, das nicht den Lebenden gehört. Hier, in der Nekropole von Anghelu Ruju, flüstern die Steine von einer Welt, in der Menschen und Götter, Ahnen und Geister einander näher waren, als wir es uns heute vorstellen können.

Als man 1903 zufällig beim Bau eines Weingutes auf diese Grabstätten stieß, ahnte niemand, dass man auf eines der größten nekropolischen Heiligtümer des Mittelmeerraumes gestoßen war. 37 Domus de Janas, „Häuser der Feen“ genannt, liegen hier verborgen im Kalkstein, verbunden durch Schächte, Treppen und Dromoi – nicht horizontal, wie auf Sardinien üblich, sondern tief in die Erde geschnitten.

Es ist, als würde man nicht in eine Nekropole treten, sondern durch Tore in eine andere Wirklichkeit.

Architektur der Schatten

Die unterirdischen Räume sind nicht bloß Grabkammern, sondern sorgfältig gestaltete Spiegelbilder der Welt der Lebenden. Säulen und Pilaster stützen das Gewicht des Gesteins, Simse und Architrave lassen die Räume wie kleine Tempel wirken.

Besonders geheimnisvoll sind die falschen Türen, die an den Wänden eingelassen sind. Waren sie Durchgänge in die Unterwelt, durch die die Seelen wandeln konnten? Oder waren sie Symbole dafür, dass das Leben der Toten nicht hier endete, sondern in einer anderen, unsichtbaren Dimension weiterging?

An den Wänden schimmern noch Spuren roter Farbe – die Farbe des Blutes, der Erde, der Wiedergeburt. Und überall, wie ein uraltes Siegel, die eingemeißelten Hörner des Stieres: Zeichen von Kraft, Fruchtbarkeit und Schutz.

Das Reich der Toten – und seine Schätze

Zwischen 3400 und 2700 v. Chr. legten die Menschen der Ozieri-Kultur hier ihre Verstorbenen zur Ruhe. Zwei bis dreißig Körper fanden in einer Kammer Platz – Frauen, Männer, Kinder –, vereint im Schoß der Erde. Später nutzten auch die Träger der Glockenbecherkultur die Nekropole. Sie hinterließen Armschutzplatten, fein verzierte Keramik, kupferne Dolche, Perlen und sogar Silberringe – stille Zeugen von Fernhandel, Handwerk und einer Welt, die weit vernetzter war, als wir glauben.

Und doch ist das Kostbarste, was hier überdauerte, nicht Gold oder Silber, sondern die Aura des Geheimnisvollen.

Ein Ort der Schwelle

Wenn man heute durch das Tor tritt, das die Anlage umschließt, fühlt man sich nicht wie in einem Museum, sondern wie an einer Schwelle. Die Schatten der Kammern sind kühl, und das Licht scheint an den Eingängen zu verharren, als wolle es nicht zu tief eindringen.

Es ist leicht, sich vorzustellen, wie die Menschen einst hierherkamen, Opfer darbrachten, vielleicht Gesänge anstimmten, vielleicht in Stille verweilten – mit dem Wissen, dass die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten hauchdünn ist.


Die Nekropole von Anghelu Ruju ist nicht nur eine der größten prähistorischen Begräbnisstätten des Mittelmeers – sie ist ein Ort des Übergangs, ein steinernes Archiv von Glauben, Ritual und Mythos. Wer hierhin kommt, betritt nicht nur ein archäologisches Denkmal, sondern ein Reich, das noch immer von unsichtbaren Bewohnern erfüllt ist.

Und vielleicht, wenn man lange genug in die Dunkelheit einer Grabkammer blickt, erkennt man, dass diese Häuser der Feen weniger den Toten gehören – sondern den Geschichten, die nie sterben.

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