Hoch über der Stadt erhebt sich auf dem Monte San Michele eine der geschichtsträchtigsten Anlagen Cagliaris: das Castello di San Michele. Schon durch seine Lage ist die Burg ein markanter Orientierungspunkt, doch ihre eigentliche Bedeutung liegt in der außergewöhnlichen historischen Tiefe. Sie zählt zu den wichtigsten Monumenten der Stadt und spiegelt in konzentrierter Form die politischen, militärischen und sozialen Umbrüche Sardiniens wider.

Ursprünge im judikalen Sardinien

Archäologische Ausgrabungen aus dem Jahr 1990 brachten unter der heutigen Burg die Reste einer frühmittelalterlichen Landkirche zutage. Auf diesem Sakralbau entstand spätestens im 12. Jahrhundert die erste befestigte Anlage – in einer Zeit, als Sardinien in die vier Giudicati gegliedert war. Das Castello di San Michele diente der Verteidigung von Santa Igia, der damaligen Hauptstadt des Giudikats von Cagliari, und hatte damit eine zentrale strategische Funktion.

Bereits in dieser frühen Phase wurde die Anlage als Wehrburg konzipiert: mit massiven Mauern, einem umlaufenden Graben und mehreren Türmen zur Kontrolle des Umlands.

Blütezeit unter spanischer Herrschaft

Die wichtigste Epoche der Burg erstreckt sich vom 14. bis ins frühe 16. Jahrhundert. Zwischen 1350 und 1511 war das Castello der Wohnsitz der Familie Carroz, einer einflussreichen spanischen Adelsdynastie. In dieser Zeit wurde die Anlage ausgebaut und ihrer repräsentativen wie militärischen Rolle angepasst. San Michele war nicht nur Festung, sondern auch Machtzentrum.

Nach dem Niedergang der Familie verlor die Burg jedoch an Bedeutung und wurde schließlich aufgegeben.

Pest, Militär und Wiederbefestigung

Im 17. Jahrhundert erhielt das Castello eine völlig neue Funktion: Während der verheerenden Pestepidemie von 1652 bis 1656, die als „Pest des Sant’Efisio“ in die Geschichte einging, wurde es als Lazarett genutzt. Später, im Zuge der militärischen Bedrohungen durch Frankreich zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert, wurde die Anlage erneut befestigt und in das Verteidigungssystem der Stadt integriert.

Um 1940 übernahm die Regia Marina die Kontrolle über die Burg. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sie schließlich in staatlichen und später kommunalen Besitz über – eine Voraussetzung für ihre heutige Nutzung.

Architektur und Aufbau

Das Castello di San Michele besitzt eine quadratische Grundform, umgeben von einem Foss. Drei der ursprünglich vorhandenen Türme sind bis heute erhalten:

  • Die Nordost- und Südosttürme stammen aus dem 13. Jahrhundert und werden pisanischen Baumeistern zugeschrieben.

  • Der Südwestturm, errichtet im 15. Jahrhundert, ist aragonesischen Ursprungs und hatte eine besondere strategische Bedeutung: Von hier aus ließ sich sowohl das Innere der Burg als auch das umliegende Gelände kontrollieren.

Im Inneren war die Burg um einen zentralen Innenhof organisiert, ergänzt durch Wohnräume für die Burgherren sowie Funktionsräume für Bedienstete und militärisches Personal.

Vom Wehrbau zum Kulturzentrum

Im 20. Jahrhundert erfuhr das Castello di San Michele tiefgreifende Restaurierungs- und Umbaumaßnahmen. Dabei wurde die militärische Struktur an eine neue Nutzung angepasst: Heute ist die Burg ein Zentrum für Kunst und Kultur, regelmäßig Schauplatz von Ausstellungen, kulturellen Veranstaltungen und Initiativen.

Diese neue Funktion trägt wesentlich zum guten Erhaltungszustand der Anlage bei, auch wenn punktuell Materialermüdungen – insbesondere durch kalkhaltiges Gestein – sichtbar sind.

Ein stiller Zeuge der Stadtgeschichte

Das Castello di San Michele ist weniger touristisch überlaufen als andere Sehenswürdigkeiten Cagliaris, doch gerade das macht seinen Reiz aus. Es ist ein Ort, an dem sich frühmittelalterliche Spiritualität, feudale Macht, Seuchengeschichte und zeitgenössische Kultur überlagern. Wer hier steht, blickt nicht nur über die Stadt, sondern auch tief in die vielschichtige Geschichte Sardiniens.

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