Wer an Sardinien denkt, hat meist die berühmten Strände der Costa Smeralda oder die türkisfarbenen Buchten von Cala Gonone vor Augen. Doch nur wenige Kilometer von der Ostküste entfernt verbirgt sich eine Landschaft, die zu den eindrucksvollsten Naturkulissen der Insel zählt: der Lago Cedrino.
Der idyllische Stausee liegt im Herzen der Provinz Nuoro nahe Dorgali und Orosei. Umgeben von steilen Kalkbergen, duftender Macchia und tiefen Schluchten wirkt er wie eine verborgene Welt, in der die Zeit langsamer vergeht. Kajakfahrer gleiten lautlos über das Wasser, Wanderer entdecken einsame Pfade, und über allem erhebt sich die wilde Berglandschaft des Supramonte.
Der Fluss Cedrino – Lebensader des östlichen Sardiniens
Der Lago Cedrino verdankt seine Existenz dem Fluss Cedrino, einem der wasserreichsten Flüsse Sardiniens. Seine Quelle liegt an den Hängen des Gennargentu-Massivs, nahe dem Supramonte von Orgosolo. Dort entspringt er als Rio Boloriga und bahnt sich auf rund 80 Kilometern seinen Weg durch tiefe Täler und Karstlandschaften bis zur Mündung bei Orosei in das Tyrrhenische Meer.
Bereits der berühmte Geograf Claudius Ptolemäus erwähnte den Fluss im 2. Jahrhundert nach Christus. Historiker vermuten, dass der Name Cedrino auf die einst zahlreichen Zedern- oder Zitrusbäume zurückgeht, die entlang seiner Ufer wuchsen. Tatsächlich ist die Region bis heute für ihre Zitruskulturen bekannt, darunter die seltene Pompìa-Frucht, eine lokale Besonderheit Sardiniens.
In den Werken der sardischen Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda taucht der Cedrino immer wieder auf. Besonders im Roman „Canne al vento“ wird die Landschaft des Flusses zu einem Symbol für das Schicksal und die Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat.
Die Entstehung des Lago Cedrino
Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sorgten die Hochwasser des Cedrino regelmäßig für Überschwemmungen in der Ebene von Orosei. Um die Wassermassen zu kontrollieren und gleichzeitig Wasser für die Landwirtschaft bereitzustellen, begann 1964 der Bau der Staumauer von Pedra 'e Othoni bei Dorgali.
Durch die Aufstauung entstand der heutige Lago Cedrino – ein langgestreckter See, der sich wie ein Fjord durch die Bergwelt windet. Das ruhige Wasser spiegelt die umliegenden Felswände wider und bildet einen faszinierenden Kontrast zur wilden Natur des Supramonte.
Besonders beeindruckend ist die Überquerung des Sees über die spektakuläre Ponte di Iriai, eine der bekanntesten Brücken Sardiniens. Von hier eröffnet sich ein grandioser Blick über die gesamte Seenlandschaft.
Ein Paradies für Kajakfahrer und Naturfreunde
Der Lago Cedrino gilt als einer der schönsten Orte Sardiniens für Kajak- und SUP-Touren. Anders als an der oft windigen Küste bleibt das Wasser hier meist ruhig und eignet sich hervorragend für entspannte Ausflüge.
Wer mit dem Kajak unterwegs ist, entdeckt versteckte Buchten, schmale Seitenarme und beeindruckende Kalksteinwände, die direkt aus dem Wasser aufragen. Besonders morgens liegt oft ein leichter Nebelschleier über dem See und verleiht der Landschaft eine beinahe mystische Atmosphäre.
Auch geführte Bootstouren erfreuen sich großer Beliebtheit. Während der Fahrt eröffnen sich spektakuläre Ausblicke auf die Berge des Supramonte und den mächtigen Monte Corrasi, einen der markantesten Gipfel Zentral-Sardiniens.
Wandern entlang des Rio Cedrino
Rund um den See führen zahlreiche Wanderwege durch die unberührte Natur. Die Routen verlaufen durch Steineichenwälder, vorbei an uralten Hirtenpfaden und bieten immer wieder beeindruckende Aussichtspunkte.
Besonders reizvoll sind die Wege entlang des Rio Cedrino, wo man mit etwas Glück Wildziegen, Greifvögel und sogar sardische Mufflons beobachten kann. Im Frühling verwandeln Wildblumen die Landschaft in ein farbenfrohes Naturparadies, während die umliegenden Berge noch von den Regenfällen des Winters gespeist werden.
Die beste Reisezeit
Der Frühling gilt als ideale Jahreszeit für einen Besuch. Der Wasserstand des Sees ist hoch, die Vegetation üppig und die Temperaturen angenehm.
Im Sommer locken lange Sonnentage und perfekte Bedingungen für Wassersport. Gegen Ende der Saison kann der Wasserstand jedoch deutlich sinken, wodurch einige Uferbereiche trockenfallen.
Der Herbst bietet wiederum spektakuläre Lichtstimmungen und eine besondere Ruhe, da deutlich weniger Besucher unterwegs sind.
Die Sage vom Geist des Cedrino
Die Bewohner der Region erzählen sich seit Generationen eine alte Geschichte über den Fluss und die Berge des Supramonte.
Vor langer Zeit soll im Tal des Cedrino eine junge Hirtenfrau namens Nuria gelebt haben. Ihre Schönheit war weit über die Berge hinaus bekannt. Eines Tages verliebte sich ein geheimnisvoller Jäger in sie, der stets bei Sonnenuntergang aus den Schluchten auftauchte und im Morgengrauen wieder verschwand.
Niemand wusste, woher er kam. Die Alten des Dorfes behaupteten, er sei ein Geist des Berges Corrasi, der die Quellen und Wälder bewachte.
Nuria und der Jäger trafen sich heimlich an den Ufern des Cedrino. Als jedoch eine große Dürre die Region heimsuchte, verlangten die Dorfbewohner von dem Fremden, er solle Regen bringen. Der Jäger schwieg und verschwand.
Verzweifelt suchte Nuria ihn in den Bergen. Schließlich erreichte sie eine Höhle hoch über dem Tal. Dort erschien ihr der Geist ein letztes Mal und offenbarte sein Geheimnis: Er sei der Hüter der Wasser Sardiniens. Würde er bei den Menschen bleiben, würden die Quellen versiegen.
Unter Tränen verabschiedeten sie sich voneinander. Als der Geist verschwand, begann plötzlich ein gewaltiger Regen. Die ausgetrockneten Flussläufe füllten sich wieder, und der Cedrino führte mehr Wasser als jemals zuvor.
Die Alten erzählen noch heute, dass man in stillen Nächten über dem Lago Cedrino eine Gestalt am Ufer erkennen könne. Wer genau hinsieht, erkennt eine junge Frau, die auf den Bergen nach ihrem verlorenen Geliebten Ausschau hält. Der Wind, der dann über das Wasser streicht, soll die Stimmen der beiden Liebenden tragen.
Fazit
Der Lago Cedrino gehört zu den verborgensten Naturschätzen Sardiniens. Hier treffen Geschichte, wilde Berglandschaften und ursprüngliche Natur aufeinander. Ob beim Kajakfahren, Wandern oder einfach beim Genießen der Stille – der See bietet eine völlig andere Seite der Insel als die bekannten Küstenorte.
Wer Sardinien jenseits der Strände entdecken möchte, findet am Lago Cedrino einen Ort voller Schönheit, Geschichten und Geheimnisse.




















