Tief im Unteren Pfynwald, verborgen am südöstlichen Rand in der Nähe der Ortschaft Leuk, ragen zwei steinerne Pfeiler in den Himmel. Sie stehen dort, stumm und geheimnisvoll, Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Der Ort, geprägt von Föhrenwäldern und den uralten Überresten eines gewaltigen Felssturzes vor 9.000 Jahren, zieht Wanderer und Abenteurer gleichermaßen in seinen Bann. Doch was hat es mit diesen merkwürdigen Bauwerken auf sich? Welche Geschichten erzählen sie?

Die stille Dominanz der Türme

Die Pfeiler, die nur etwa 15 Meter voneinander entfernt stehen, sind quadratisch angelegt und obeliskartig in die Höhe gezogen. Mit einer Höhe von rund 16 Metern beherrschen sie die sanfte Hügellandschaft, die von kleinen Seen und sumpfigen Gebieten durchzogen ist. Es scheint, als wären sie Relikte einer uralten Zivilisation oder Zeugen eines verlorenen Projekts. Ihre Bauweise ist ebenso faszinierend wie schlicht: Aus lokalem Schiefer und wenigen behauenen Quadern errichtet, weisen sie dennoch eine elegante Regelmäßigkeit auf. Vom Fundament bis zur Spitze verjüngen sich die Pfeiler, sodass ihre oberen Enden nur noch etwa 80 bis 90 Zentimeter breit sind. Auf den Spitzen ruht je ein Flachdach aus Schiefer, als hätte jemand absichtlich jede weitere Bedeutung des Baus in das Geheimnisvolle gehüllt.

Wasser, die Lebensader des Waldes

Manch einer mag sich fragen, warum diese einsamen Pfeiler gerade hier stehen, an einem Ort, der auf den ersten Blick so unscheinbar wirkt. Doch eine genauere Betrachtung der Landschaft und historischen Dokumente wirft Licht auf ihren möglichen Zweck. Die Pfeiler könnten einst Teil einer raffinierten Wasserversorgungsanlage gewesen sein. Die Reste einer möglichen Wasserleite, welche sich in einer Einkerbung auf der Anhöhe nordwestlich der Pfeiler abzeichnet, lassen vermuten, dass hier einst Wasser aus der Rhone durch den Wald geleitet wurde. 

Diese Illwasserleite, wie sie in den historischen Überlieferungen genannt wird, versorgte das umliegende Land mit wertvollem Wasser und war wohl von entscheidender Bedeutung für die Landwirtschaft der Region. Der schieferhaltige Boden des Pfynwaldes ließ nur wenig Wasser durch, was die Entstehung kleiner Seen und Sumpfgebiete förderte. Die Pfeiler könnten also eine Rolle in diesem komplexen System gespielt haben – vielleicht als Stützpunkte für Aquädukte oder als Teil einer technischen Anlage, die längst im Nebel der Geschichte verschwunden ist.

Unerzählte Geschichten in Stein gemeißelt

Auch die Pfeiler selbst sprechen von einer bewegten Vergangenheit. Auf ihrer Westseite, in etwa 7 bis 8 Metern Höhe, befinden sich Einlassungen, die einst Schrifttafeln getragen haben könnten. Doch diese Tafeln sind längst verschwunden, zurück bleiben nur die leeren Fassungen. Was mögen sie einst erzählt haben? Waren es Inschriften, die den Bau dokumentierten, oder vielleicht Hinweise auf den Architekten dieser merkwürdigen Konstruktion? 

Es gibt kaum schriftliche Zeugnisse über den Bau oder die genaue Nutzung der Türme. Zwar konnte durch die Forschung der Historikerin Nadine Hugo ein privater Kaufvertrag aus dem 19. Jahrhundert aufgedeckt werden, der die Türme als Teil der Pfynwasserleite identifiziert, doch bleibt vieles im Dunkeln. Man nimmt an, dass die Familie Werra, der das umliegende Pfyngut bis ins frühe 20. Jahrhundert gehörte, den Bau der Pfeiler initiiert haben könnte. Die Pfeiler selbst wirken jedoch jünger als ihre historischen Pendants an der Rhone, was sie in die Zeit des Klassizismus rückt – ein Stil, der zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und der Mitte des 19. Jahrhunderts populär war.

Verwitterung und Geheimnis

Doch die Zeit hat auch an diesen steinernen Wächtern genagt. Der nördliche Turm zeigt deutlich mehr Spuren der Verwitterung als sein südliches Gegenstück. Doch erst neulich wurden die Türme teuer in Stand gestellt. Wo einst Aussparungen und Halterungen vielleicht komplexe Maschinen oder Vorrichtungen hielten, finden sich heute nur noch Spuren. Die quadratischen und rechteckigen Öffnungen, sowie die eisernen Zuganker in 10 und 13 Metern Höhe, lassen auf eine ausgeklügelte Nutzung schließen – doch wozu genau, bleibt ein Rätsel.

Die Verankerungen und Überreste einer möglichen eisernen Aufhängung könnten darauf hinweisen, dass die Türme einst funktionelle Bauten waren. Es könnte sich um eine frühe Form der Wasseraufbereitung oder eine technische Konstruktion gehandelt haben, deren genaue Nutzung uns heute nicht mehr zugänglich ist.

Der Pfynwald: Mehr als nur Natur

Heute sind die Türme im Pfynwald ein Mysterium, das Forscher und Abenteurer gleichermaßen fasziniert. Sie stehen als stiller Beweis dafür, dass auch in den abgelegensten Winkeln der Schweiz einst Großes geleistet wurde. Das Staatsarchiv des Kantons Wallis bewahrt vielleicht noch weitere Dokumente, die Licht in dieses dunkle Kapitel der Geschichte bringen könnten. Doch eines bleibt gewiss: Die Pfeiler im Unteren Pfynwald werden noch lange ihre Geheimnisse bewahren und die Fantasie derjenigen beflügeln, die ihren steinernen Schatten betreten.

Die Landschaft, die sie umgibt, erzählt von einer Zeit, in der die Menschen mit der Natur rangen und versuchten, ihre lebenswichtigen Ressourcen zu kontrollieren. Heute zeugen die stillen Obelisken von diesem Kampf – und laden dazu ein, ihre Geschichte Stück für Stück zu entschlüsseln. Wer weiß, welche Geheimnisse sich in den Archiven noch verbergen?

Zugang

Der Pfynwald ist frei zugänglich. Parkplätze bei der Ermitage sind gratis.

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