Wer auf der Uferstrasse von Stansstad nach Kehrsiten unterwegs ist, ahnt kaum, welches Geheimnis sich hinter den steilen Felswänden am Vierwaldstättersee verbirgt. Einige dieser Felsen sind nämlich gar nicht echt. Hinter einer raffiniert gestalteten Tarnfassade versteckt sich die Festung Fürigen – eine eindrucksvolle Zeitkapsel aus dem Zweiten Weltkrieg und heute eines der spannendsten Militärmuseen der Zentralschweiz.
Ein verborgenes Bollwerk im Herzen des Schweizer Reduits
Die Festung Fürigen wurde zwischen 1941 und 1942 in den Felsen des Bürgenstocks gebaut. In einer Zeit, als die Schweiz einen möglichen Einmarsch der deutschen Wehrmacht befürchtete, entwickelte die Armeeführung die Strategie des sogenannten Reduits. Dabei sollte sich ein grosser Teil der Armee in die Alpen zurückziehen und von dort aus die wichtigsten Verkehrsachsen und Zugänge verteidigen.
Fürigen war Teil dieses gewaltigen Verteidigungssystems. Ihre Aufgabe bestand darin, die strategisch wichtigen Engpässe bei Stansstad sowie den Übergang über den Renggpass zu sichern. Gemeinsam mit weiteren Festungen in Nid- und Obwalden bildete sie einen wichtigen Baustein der nationalen Verteidigungsstrategie.
Leben im Berg
Heute vermittelt die Festung einen authentischen Eindruck vom Alltag der Soldaten während des Aktivdienstes. Die Räume und Einrichtungen sind weitgehend im Originalzustand erhalten geblieben. Besucher betreten eine unterirdische Welt aus Beton, Stahl und engen Gängen, die sich rund 200 Meter tief in den Berg hineinzieht.
Zur Anlage gehörten Kampfstände, Munitionslager, Schlafräume, Büros, eine Küche und sogar ein kleines Spital. Rund 80 Soldaten waren hier stationiert. Da nur 52 Liegestellen für die Mannschaft zur Verfügung standen, wurde im Rotationsprinzip geschlafen. Die Festung verfügte über Lebensmittelvorräte für einen Monat sowie eine eigene Wasserversorgung durch eine Seewasserpumpe.
Besonders eindrücklich ist die Vorstellung, dass die Soldaten wochenlang von der Aussenwelt abgeschnitten hätten operieren können – geschützt hinter meterdickem Beton und verborgen vor den Augen möglicher Angreifer.
Schwere Geschütze im Berginnern
Das Herzstück der Festung bildeten zwei 7,5-Zentimeter-Befestigungskanonen des Typs BK 39. Die Geschütze waren auf die Gebiete um Stansstad und Hergiswil ausgerichtet und konnten Ziele in einer Entfernung von bis zu zwölf Kilometern bekämpfen. Mit einer Kadenz von bis zu fünfzehn Schuss pro Minute verfügte die Anlage über beachtliche Feuerkraft.
Ergänzt wurden die Kanonen durch mehrere Maschinengewehrstellungen sowie einen leistungsstarken Scheinwerfer zur Beobachtung des Geländes. Zusätzlich waren in der Zufahrtsstrasse versteckte Sprengladungen eingebaut, die im Ernstfall gezündet werden konnten, um den Zugang zur Festung zu blockieren.
Vom Geheimobjekt zum Museum
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Festung weiterhin von militärischer Bedeutung. Die Spannungen des Kalten Krieges und die Angst vor einem möglichen Atomkonflikt sorgten dafür, dass die Anlage bis in die 1980er Jahre einsatzbereit gehalten wurde.
Erst 1987 wurde die Festung von der Schweizer Armee ausser Dienst gestellt. Vier Jahre später öffnete sie als eines der ersten modernen Festungsmuseen der Schweiz ihre Tore für die Öffentlichkeit. Heute gehört sie zum Nidwaldner Museum und ermöglicht einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen der Schweizer Landesverteidigung.
Ein spannendes Ausflugsziel am Vierwaldstättersee
Die Festung Fürigen liegt auf 436 Metern über Meer am Westfuss des Bürgenstocks direkt oberhalb des Vierwaldstättersees. Bereits die Anfahrt entlang der malerischen Seestrasse macht den Besuch zu einem Erlebnis. Im Innern erwartet die Gäste eine faszinierende Mischung aus Geschichte, Technik und Zeitzeugenatmosphäre.
Wer die engen Stollen, die originalen Geschützräume und die erhaltenen Mannschaftsunterkünfte erkundet, erhält einen eindrücklichen Einblick in eine Zeit, in der die Schweiz sich auf den Ernstfall vorbereitete. Die Festung erinnert nicht nur an militärische Strategien, sondern auch an die Anstrengungen eines Landes, seine Bevölkerung in einer unsicheren Epoche zu schützen.
Besucherinformationen
Die Festung Fürigen ist jeweils von April bis Oktober geöffnet. Führungen können auf Anfrage direkt beim Museum organisiert werden und bieten vertiefte Einblicke in die Geschichte und Funktion der Anlage.
Ein Besuch lohnt sich für Geschichtsinteressierte ebenso wie für Familien, Technikfans oder alle, die ein verborgenes Stück Schweizer Zeitgeschichte entdecken möchten. Hinter der unscheinbaren Felswand am Ufer des Vierwaldstättersees verbirgt sich eine Welt, die jahrzehntelang streng geheim war – und heute faszinierender denn je ist.















