Es gibt Landschaften, bei denen man zweimal hinschauen muss, um zu glauben, dass sie wirklich existieren. Porto Pino im Südwesten Sardiniens ist eine solche Landschaft: ein endlos scheinendes Band aus weissem Sand, türkisfarbenem Meer, mediterraner Macchia und sanft geschwungenen Dünen.
Die berühmtesten Dünen werden auf Sardisch Is Arenas Biancas – die weissen Sande genannt. Sie gehören zu den spektakulärsten Küstenlandschaften des Sulcis. Die Dünen können rund 30 Meter hoch werden und ziehen sich über etwa einen Kilometer entlang der Küste.
Ein Spaziergang zum weissen Wunder
Wer die Dünen erleben möchte, lässt das Auto im Bereich von Porto Pino stehen und macht sich zu Fuss auf den Weg. Besonders reizvoll ist der Spaziergang entlang des Strandes. Hinter dem ersten Abschnitt liegt eine ausgedehnte Aleppo-Kiefernwaldlandschaft, danach folgen die Feuchtgebiete und Lagunen von Porto Pino.
Dann verändert sich die Landschaft langsam. Das Grün wird weniger, der Sand heller – bis plötzlich die ersten grossen weissen Sandhügel auftauchen.
Vor einem liegt ein kleines sardisches Wüstenreich.
Wie ein Stück Karibik
Der Kontrast ist beinahe unwirklich: blendend weisser, feiner Sand trifft auf Wasser, das je nach Licht zwischen Smaragdgrün, Türkis und tiefem Blau wechselt. Dazwischen wachsen Wacholder und mediterrane Sträucher.
Der sardische Mistral ist dabei der grosse Künstler dieser Landschaft. Er nimmt den feinen Sand auf, bewegt ihn über die Küste und formt daraus die weichen, ständig wechselnden Dünen. Die Küstenlandschaft selbst entstand über lange Zeit durch das Zusammenspiel von Meer, Sedimenten und Wind.
Eine lebendige Landschaft
So stabil die Dünen auf den ersten Blick wirken, so empfindlich sind sie tatsächlich. Ihre Vegetation spielt eine wichtige Rolle dabei, den Sand zu binden und die Dünen zu stabilisieren. Zwischen den weissen Hügeln wachsen unter anderem Strandlilien, Wacholder, Wolfsmilch und weitere typische Dünenpflanzen.
Deshalb sollte man die Dünen nicht besteigen oder quer über ihre empfindlichen Kämme laufen. Jeder Schritt kann die Vegetation beschädigen und damit die natürliche Entwicklung der Dünen beeinträchtigen. Der schönste Blick auf dieses fragile Naturkunstwerk ist ohnehin von den vorgesehenen Wegen und vom Strand aus.
Zwischen Dünen und Lagunen
Hinter dem Küstenstreifen liegt eine weitere, ganz andere Welt: die Feuchtgebiete von Porto Pino. Die Lagunen bilden einen wichtigen Lebensraum für zahlreiche Vogelarten und liegen innerhalb des Natura-2000-Gebiets „Promontorio, dune e zona umida di Porto Pino“. Besonders im Gebiet der Stagni lassen sich mit etwas Glück Flamingos und andere Wasservögel beobachten.
Damit ist Porto Pino weit mehr als ein schöner Strand. Hier treffen Meer, Dünen, Pinienwald und Feuchtgebiete auf engstem Raum zusammen.
Ein Ort mit zwei Gesichtern
Heute denkt man bei Porto Pino vor allem an weisse Sandstrände und türkisfarbenes Wasser. Doch die Bucht besitzt auch eine lange Geschichte. Schon in phönizisch-punischer Zeit wurde sie als Hafen genutzt, später diente sie den Römern als Handelsplatz.
Und auch die jüngere Geschichte hat Spuren hinterlassen. Hinter den Dünen liegt der weitläufige militärische Übungsplatz von Capo Teulada. Ein Teil des Dünengebiets befindet sich innerhalb dieses Areals, weshalb die Zugänglichkeit bestimmter Strandabschnitte saisonal eingeschränkt sein kann.
Früh am Morgen gehört die Landschaft dir
Im Sommer zählt Porto Pino zu den beliebten Zielen im Süden Sardiniens. Wer die Dünen in ihrer stillsten und magischsten Form erleben möchte, sollte deshalb möglichst früh kommen. Dann liegt das Licht noch weich auf den Sandhügeln, der Wind trägt den Duft von Wacholder und Macchia herüber und die ersten Sonnenstrahlen lassen das Meer hinter den Dünen aufleuchten.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem Porto Pino am schönsten ist:
Wenn die weissen Dünen noch still sind, der Mistral leise über ihre Kämme streicht und Sardinien für einen Augenblick wie eine Landschaft aus einer anderen Welt wirkt.





