Die Polarlichter, wissenschaftlich als Aurora borealis bezeichnet, zählen zu den eindrucksvollsten Himmelserscheinungen der Erde. Sie entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen aus dem Sonnenwind entlang der Magnetfeldlinien in die Atmosphäre gelenkt werden und dort auf Sauerstoff- und Stickstoffatome treffen. In Höhen von rund 100 bis 300 Kilometern beginnen diese Gase zu leuchten – meist in intensivem Grün, manchmal auch in Rot- oder Violetttönen.
Besonders häufig sind die tanzenden Lichter in den nördlichen Breiten Skandinaviens, Finnlands oder Islands zu beobachten. Dort erscheinen sie als leuchtende Bögen, flackernde Vorhänge oder pulsierende Schleier am Himmel. Was heute physikalisch erklärbar ist, war über Jahrtausende ein geheimnisvolles Zeichen am Firmament – und wurde in vielen Kulturen mit spiritueller Bedeutung aufgeladen.
Mythen der Sami – Ehrfurcht unter dem Nordlicht
Für die indigenen Sami people waren die Nordlichter weit mehr als ein Naturereignis. In der arktischen Landschaft Lapplands, wo lange Winter und Dunkelheit den Alltag prägen, galt das Polarlicht als kraftvolle, respektgebietende Erscheinung. Es war nichts, das man bewunderte oder gar feierte – sondern etwas, dem man mit Ernsthaftigkeit begegnete.
In vielen Überlieferungen wurden die Lichter als Seelen Verstorbener gedeutet. Man glaubte, dass die Geister der Ahnen am Himmel sichtbar würden oder dass es sich um die Seelen jener handle, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren. Das flackernde, manchmal unruhige Leuchten erschien wie eine Bewegung dieser Geistwesen über dem Firmament.
Mit dem Nordlicht waren strenge Verhaltensregeln verbunden. Es galt als gefährlich, zu pfeifen, laut zu sprechen oder mit Gesten auf die Erscheinung zu zeigen. Wer das Licht verspottete oder provozierte, riskierte nach traditioneller Vorstellung, dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In manchen Erzählungen konnte es herabkommen, Menschen mit sich nehmen oder ihnen Schaden zufügen. Eltern warnten ihre Kinder eindringlich davor, unter dem Nordlicht Unfug zu treiben – eine Mischung aus spirituellem Respekt und erzieherischer Vorsicht.
Besonders rote Polarlichter galten als unheilvoll. Sie wurden mit Blut, Krieg oder Krankheit in Verbindung gebracht und konnten als Vorzeichen kommender Ereignisse interpretiert werden. Die seltene, intensive Färbung verlieh dem Himmel eine bedrohliche Symbolik.
Andere Überlieferungen erzählen, dass die Lichter himmlische Wesen seien, die mit einem Schädel oder einem Ball spielten – ein Motiv, das die enge Verbindung der Sami zur Jagd- und Rentierkultur widerspiegelt. Der Himmel wurde dabei nicht als fernes Universum verstanden, sondern als Erweiterung der irdischen Welt, in der ähnliche Kräfte und Wesen wirken.
Zentral war stets die Haltung der Stille. Wenn die Lichter erschienen, verhielt man sich ruhig, sprach leise oder zog sich zurück. Das Nordlicht war Ausdruck einer spirituellen Weltauffassung, in der Natur und Kosmos lebendig und beseelt sind.
So stehen die Polarlichter im kulturellen Gedächtnis der Sami bis heute für die Präsenz des Unsichtbaren – ein leuchtendes Band zwischen Erde, Ahnenwelt und Himmel.
















