Über dem Ufer der Reuss, etwas abseits von Bremgarten, liegt ein Ort, der sich dem Lärm der Welt erstaunlich gut entzieht. Hinter Mauern und alten Klostergebäuden lebt in Hermetschwil eine Gemeinschaft, deren Geschichte fast tausend Jahre zurückreicht.
Hier geht es nicht um grosse Türme, Schlachten oder prunkvolle Fürstenhöfe. Die Geschichte dieses Ortes ist leiser. Sie handelt von Frauen, die gebetet, gearbeitet, geschrieben, gesungen und gewirtschaftet haben – und von einem Kloster, das trotz Aufhebungen, politischen Umbrüchen und Jahrhunderten voller Veränderungen immer wieder zurückkehrte.
Heute leben hier neun Benediktinerinnen nach der Regel des heiligen Benedikt. Ihr Leitspruch lautet „Bete und arbeite“.
Ein Kloster, das aus Muri kam
Die Geschichte beginnt eigentlich nicht in Hermetschwil, sondern wenige Kilometer entfernt in Muri.
Um 1083 wurde das dortige Benediktinerkloster im Zuge der Hirsauer Reform zu einem Doppelkloster erweitert. Neben den Mönchen lebte dort auch ein Frauenkonvent. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts zogen die Benediktinerinnen nach Hermetschwil, wo ihnen das Kloster Muri umfangreichen Grundbesitz und Herrschaftsrechte übertrug.
Der neue Standort über der Reuss war mehr als nur ein Stück Land. Er wurde zur Heimat einer Frauengemeinschaft, die über Jahrhunderte eng mit Muri verbunden blieb.
Schon um 1300 verwalteten die Nonnen ihren Besitz weitgehend selbst. Seit 1309 besass das Kloster sogar ein eigenes Siegel.
Frauen, Besitz und Macht
Das mittelalterliche Klosterleben war allerdings weit entfernt von dem Bild, das man heute vielleicht von einem abgeschiedenen Nonnenkloster hat.
Die Frauen kamen zunächst vielfach aus dem habsburgischen Ministerialadel, später aus wohlhabenden bürgerlichen Familien von Zürich, Basel und dem Aargau. Sie verfügten über eigenes Vermögen und Pfründen und waren wirtschaftlich durchaus einflussreich.
Das Kloster besass Grundherrschaften in Hermetschwil, Eggenwil und Rottenschwil sowie weiteren Streubesitz im Reuss- und Bünztal.
Hinter den stillen Mauern wurde also nicht nur gebetet. Hier wurde verwaltet, gerechnet, verhandelt und über Land und Leute entschieden.
Eine Zeit ohne strenge Klausur
Besonders überraschend ist die Welt der spätmittelalterlichen Hermetschwilerinnen.
Der Konvent war damals noch nicht streng abgeschottet. Die Frauen konnten das Kloster verlassen, reisen und sogar Wallfahrten unternehmen. Historische Quellen berichten sogar von Besuchen in den Bädern von Baden.
Erst die katholische Reform nach dem Konzil von Trient veränderte das Leben grundlegend.
Nach Widerständen wurden Pfründen abgeschafft, die Klausur eingeführt und das gemeinschaftliche Leben nach der Benediktsregel neu geordnet. 1636 wurde Hermetschwil zur Abtei erhoben.
Damit begann eine Blütezeit.
Der Konvent wuchs zeitweise auf 17 bis 20 Chorfrauen und mehrere Laienschwestern an. Auch die Klosteranlage wurde erweitert und erhielt im 16. und 17. Jahrhundert weitgehend jene Gestalt, die sie heute noch prägt.
Die dunklen Jahre
Doch die Geschichte des Klosters kennt auch Zeiten, in denen seine Zukunft alles andere als sicher war.
1841 beschloss der Aargauer Grosse Rat die Aufhebung der Klöster. Hermetschwil wurde zunächst geschlossen, 1843 jedoch wiederhergestellt. 1876 folgte die zweite Aufhebung.
Die Nonnen mussten ihre Heimat erneut verlassen. Teile der Klosteranlage wurden verkauft, in den ehemaligen Ökonomiegebäuden entstand ein Kinderheim. Einige Schwestern konnten jedoch im zurückgekauften Klostergebäude bleiben.
1892 wurde der Sitz des Konvents nach Habsthal in Württemberg verlegt. Hermetschwil blieb als Priorat bestehen.
Es hätte das Ende einer fast achthundertjährigen Geschichte sein können.
War es aber nicht.
Die Rückkehr
Erst 1973 änderte sich die rechtliche Situation grundlegend. Nach der Aufhebung der konfessionellen Ausnahmeartikel der Bundesverfassung erhielt das Kloster sein Existenzrecht zurück und durfte wieder Novizinnen aufnehmen.
1985 wurde Hermetschwil erneut zur Abtei erhoben. Seit 1986 sind Hermetschwil und Habsthal zwei selbstständige Klöster.
Fast neun Jahrhunderte nach den ersten Anfängen war Hermetschwil damit wieder das, was es einst gewesen war: ein eigenständiger Ort benediktinischen Lebens.
Eine Sage zwischen den Mauern?
Bei der Suche nach alten Sagen rund um Hermetschwil stösst man auf eine interessante Besonderheit: Eine grosse, eindeutig überlieferte lokale Klostersage ist kaum dokumentiert.
Dafür bewahrt das Kloster etwas anderes, mindestens ebenso Faszinierendes: einen alten Schatz an religiösen Erzählungen und Wundergeschichten.
Im ehemaligen Klosterarchiv hat sich beispielsweise eine alemannische Handschrift von 1697 erhalten, die eine ausführliche Legende der heiligen Anna enthält. Sie umfasst 41 Kapitel und wird ergänzt durch mehrere mittelalterliche Exempla und Mirakelgeschichten. Die Handschrift stammt wahrscheinlich aus Hermetschwil.
Das ist vielleicht die schönere Geschichte als eine nachträglich erfundene Geistersage: Über Jahrhunderte sassen hier Frauen bei Kerzenlicht und lasen Geschichten von Heiligen, Wundern und göttlicher Fügung. Manche dieser Geschichten wurden aufgeschrieben, andere weitererzählt – und wieder andere verschwanden irgendwann zwischen den Mauern.
Die eigentliche Legende von Hermetschwil ist vielleicht deshalb das Kloster selbst.
Ein Frauenkonvent, der aus einem mittelalterlichen Doppelkloster hervorging, Krisen, Reformation und Klosteraufhebungen überstand, nach Deutschland auswich und schliesslich wieder an die Reuss zurückkehrte.
Die Kunst des „Ora et labora“
Heute ist das Leben der Schwestern wieder ganz auf den alten benediktinischen Rhythmus ausgerichtet.
Gebet und Arbeit wechseln einander ab. Zum Alltag gehören Eucharistie, Stundengebet und Meditation – aber ebenso ganz handfeste Tätigkeiten: Hostienbäckerei, das Nähen von Paramenten, Weben, Sakristanendienst, Imkerei, Karten- und Kerzenherstellung sowie Haus- und Gartenarbeit.
Im Klosterlädeli finden sich Produkte aus diesem Alltag: Honig aus der klostereigenen Imkerei, Gebäck, Tee, Karten und Kerzen.
Es ist ein bemerkenswerter Gedanke: Was hier vor Jahrhunderten mit mittelalterlicher Landwirtschaft, Verwaltung und Handarbeit begann, lebt heute in anderer Form weiter.
Ein Ort, der sich der Zeit entzieht
Vielleicht ist es die Lage über der Reuss, die Hermetschwil so besonders macht.
Man hört das Wasser unten im Tal. Über den Feldern liegt Licht. Hinter den Mauern beginnt eine Welt, die nach anderen Regeln funktioniert als jene draussen.
Hier zählt nicht die Geschwindigkeit.
Hier zählt der Rhythmus.
Gebet. Arbeit. Stille. Wiederholung.
Und während draussen Jahrhunderte vergehen, haben die Schwestern immer wieder denselben einfachen Gedanken gelebt: Ora et labora – bete und arbeite.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis von Hermetschwil.
Nicht in einer verborgenen Kammer. Nicht in einem Geist, der nachts durch den Kreuzgang wandert.
Sondern in der erstaunlichen Tatsache, dass dieser Ort trotz aller Stürme der Geschichte immer wieder zu sich selbst zurückgefunden hat.
Über der Reuss steht das Kloster noch immer.
Still.
Und wer einen Moment innehält, könnte fast glauben, dass die vergangenen Jahrhunderte hinter seinen Mauern nicht verschwunden sind – sondern einfach weiterbeten.






