Hoch über Sant’Antioco, dort, wo der Blick über die Lagune und den Golf von Palmas schweift, erhebt sich Su Pisu. Heute wirkt die kleine Festung still und beinahe romantisch. Doch dieser Ort war über Jahrtausende ein Schauplatz von Macht, Verteidigung und Veränderung.

Denn bevor hier Kanonen standen, ragte an derselben Stelle bereits eine Nuraghe in den Himmel.

Ein Hügel, viele Leben

Der Hügel Mont’e Cresia gehört zu den ältesten besiedelten Orten von Sant’Antioco. Vermutlich um das 15. Jahrhundert v. Chr. errichteten die Nuraghen hier einen mächtigen Turm aus Trachytblöcken. Am Hang Richtung Nekropole von Is Pirixeddus fanden Archäologen zudem Spuren einer dazugehörigen Siedlung.

Jahrhunderte später veränderte sich die Welt. Die Karthager kamen nach Sardinien, die Nuraghe wurde abgetragen und auf ihren Überresten entstand ein polygonaler Wehrturm. Er war Teil der Befestigung von Sulci und vermutlich mit dem monumentalen Nordtor der antiken Stadt verbunden.

Ein und derselbe Felsen wurde damit immer wieder zum Ort der Verteidigung.

Löwen, Mauern und eine versunkene Stadt

Ganz in der Nähe befanden sich einst zwei monumentale Löwenstatuen. Heute sind sie im Museum zu sehen. In römischer Zeit schmückten sie das Podium des Amphitheaters – ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung dieses Ortes immer wieder veränderte.

Mit der römischen Eroberung Sardiniens im Jahr 238 v. Chr. wurden die karthagischen Befestigungen abgetragen. Baumaterial wurde wiederverwendet, und aus dem ehemaligen Verteidigungsplatz wurde ein Teil der römischen Stadt.

Dann wurde es still.

Jahrhunderte der Angst

Über viele Jahrhunderte war Sant’Antioco den Angriffen von Piraten ausgesetzt. Die wiederkehrenden Überfälle führten sogar dazu, dass die Insel über lange Zeit weitgehend unbewohnt blieb.

Erst im 18. Jahrhundert begann die Wiederbesiedlung. Doch die Erinnerung an die Gefahr blieb.

Als die Küsten Sardiniens Anfang des 19. Jahrhunderts erneut vor den Angriffen nordafrikanischer Piraten geschützt werden mussten, wurde der alte strategische Hügel wieder wichtig.

1812 wurde der Bau des Forts geplant. Zwischen 1813 und 1815 entstand Su Pisu – ausgerechnet auf den Resten der alten punischen Befestigung.

So wurde aus einem nuragischen Heiligtum und Wehrturm, einer punischen Festung und einem römisch überprägten Ort schliesslich eine savoyische Bastion.

Das letzte Aufgebot

Die Festung sollte Soldaten und Bevölkerung Schutz bieten. Ihre Mauern waren mit Schiessscharten und Wachgängen ausgestattet, Kanonen konnten in Richtung Meer ausgerichtet werden.

Im Inneren befindet sich noch heute das kleine, tonnengewölbte Pulvermagazin. Waffen und Munition wurden hier aufbewahrt. Eine Zisterne unter dem Innenhof sammelte Regenwasser – lebenswichtig, wenn eine Festung im Ernstfall längere Zeit auf sich selbst angewiesen war.

Am Eingang befand sich vermutlich einst eine Zugbrücke. Ein Wachhäuschen mit Schiessscharten sicherte den Zugang.

Und dann ist da der Blick.

Von den Mauern öffnet sich die Landschaft weit über die Lagune und den Golf von Palmas. Man steht auf einem Platz, an dem Menschen schon vor mehr als 3000 Jahren den Horizont beobachteten – aus anderen Gründen, aber mit demselben Blick.

Der letzte Angriff

Su Pisu war nur wenige Jahre in dieser Form militärisch aktiv. Doch 1815 sollte sich zeigen, weshalb die Festung gebaut worden war: Beim letzten Überfall des Beys von Tunis diente sie der Verteidigung der Insel.

Danach verlor sie allmählich ihre militärische Bedeutung.

Geblieben ist ein Ort, an dem sich die Geschichte Sardiniens beinahe Schicht für Schicht ablesen lässt: Nuraghen, Punier, Römer und Savoyer hinterliessen ihre Spuren auf demselben Hügel.

Ein Ort zwischen den Zeiten

Vielleicht ist das Geheimnis von Su Pisu nicht ein einzelner Fund, sondern die Tatsache, dass dieser Ort immer wieder neu erfunden wurde.

Die Nuraghen bauten hier ihren Turm. Die Punier machten daraus einen Teil ihrer Festung. Die Römer beseitigten die alten Mauern und verwendeten ihre Steine. Jahrhunderte später errichteten die Savoyer wieder eine Festung – auf den Spuren dessen, was vor ihnen hier gestanden hatte.

Der Stein blieb. Die Menschen wechselten. Die Bedrohungen wechselten. Nur der Blick über das Meer blieb derselbe.

Wer heute auf Su Pisu steht, steht deshalb nicht einfach auf einer alten Festung. Man steht auf einem Stück Sardinien, in dem sich mehr als drei Jahrtausende Geschichte übereinandergelegt haben.

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