Hoch über der Leventina, eingebettet in die eindrucksvolle Bergwelt des Tessins, liegt das Val Piora. Hier erwarten dich glasklare Bergseen, weisse Dolomitfelsen, blühende Alpwiesen und eine Ruhe, die man in den Bergen manchmal lange suchen muss. Wer diese besondere Landschaft zu Fuss erkundet, entdeckt mit dem Ritomsee, dem Tomsee und dem Cadagnosee drei ganz unterschiedliche Naturjuwelen.
Die Dreiseenwanderung verbindet die schönsten Seiten der Region: einen grossen Stausee mit bewegter Geschichte, einen kleinen Bergsee mit einem fast karibisch anmutenden Ufer und einen See, dessen ungewöhnliche Wasserverhältnisse selbst die Wissenschaft faszinieren. Und zwischen den Alpwiesen und alten Sennhütten lebt die geheimnisvolle Sagenwelt der Tessiner Berge weiter.
Der Ritomsee – Ein Bergsee mit grosser Geschichte
Auf rund 1850 Metern über Meer liegt der Lago Ritom, auf Deutsch Ritomsee. Mit einer Fläche von etwa 1,49 Quadratkilometern ist er einer der bedeutendsten Bergseen des Tessins. Seine Wasserfläche spiegelt die umliegenden Gipfel und Wälder wider und bildet eine eindrucksvolle Kulisse für Spaziergänge und Wanderungen.
Doch der Ritomsee ist nicht nur ein Naturparadies. Er spielt auch eine wichtige Rolle für die Energieversorgung der Leventina. Seit dem Bau des ersten Damms im Jahr 1917 wird sein Wasser zur Erzeugung von Wasserkraft genutzt. Der See verbindet damit die Schönheit der Alpenlandschaft mit der Geschichte der Elektrifizierung der Region.
Mit einer spektakulären Bahn hinauf in die Bergwelt
Schon die Anreise ist ein Erlebnis. Von Piotta aus führt die historische Ritombahn hinauf zur Bergstation. Mit ihrer maximalen Steigung von rund 88 Prozent gehört sie zu den steilsten Standseilbahnen der Welt. Während die Bahn den Höhenunterschied überwindet, öffnet sich nach und nach der Blick auf die alpine Landschaft.
Oben angekommen, erreicht man den See nach einem kurzen Fussweg. Am Ufer lässt sich wunderbar verweilen, bevor man sich auf eine längere Wanderung begibt. Wer mehr über die Besonderheiten der Region erfahren möchte, kann ausserdem den Naturlehrpfad am Ritomsee erkunden. Er wurde 2009 eingerichtet und vermittelt Wissenswertes über die Geologie, die Pflanzen- und Tierwelt sowie die menschliche Nutzung dieser Berglandschaft.
Der Tomsee – Ein weisser Strand mitten in den Alpen
Ein ganz anderes Bild erwartet Wandernde am Lago di Tom, dem Tomsee. Er liegt auf rund 2020 Metern über Meer in einer von Gletschern geformten Landschaft. Mit seiner überschaubaren Grösse wirkt er beinahe verborgen zwischen den sanften Bergformen und den Felsen der Piora-Mulde.
Seine besondere Attraktion ist das helle Ufer aus sogenanntem Zuckerdolomit. Das verwitterte Dolomitgestein bildet einen auffallend weissen Untergrund, der sich deutlich vom dunkleren Gestein und dem Wasser abhebt. Der Kontrast erinnert fast an einen Strand am Meer – nur dass sich ringsum die Tessiner Alpen erheben.
Auch geologisch ist der Tomsee interessant: Das Wasser verschwindet durch eine Karstöffnung im Untergrund. Solche Erscheinungen sind typisch für Landschaften, in denen wasserlösliches Gestein Höhlen, Spalten und unterirdische Abflusswege entstehen lässt.
Der Tomsee ist ein idealer Ort für eine Pause. Wer hier ankommt, sollte sich Zeit nehmen, die besondere Farbe des Ufers und die Stille der Bergwelt auf sich wirken zu lassen. Gerade im Zusammenspiel mit dem grossen Ritomsee zeigt sich, wie vielfältig die Landschaft des Val Piora ist.
Der Cadagnosee – Ein Bergsee, der die Wissenschaft fasziniert
Der dritte See der klassischen Dreiseenwanderung ist der Lago di Cadagno. Er liegt auf rund 1920 Metern über Meer und ist weit mehr als ein idyllischer Bergsee. Seine Besonderheit verbirgt sich unter der Wasseroberfläche.
Der Cadagnosee ist ein seltenes Beispiel für sogenannte Meromixis: Seine Wasserschichten vermischen sich nicht vollständig. Das Wasser am Grund unterscheidet sich chemisch deutlich von jenem an der Oberfläche. In den tieferen Schichten herrschen besondere Bedingungen, unter anderem durch Schwefelverbindungen, die für spezialisierte Mikroorganismen eine wichtige Rolle spielen.
Diese ungewöhnliche Wasserstruktur macht den See zu einem bedeutenden Forschungsort. Forschende untersuchen hier die besonderen Lebensbedingungen und die Ökologie des Sees. Gleichzeitig ist er Teil einer aussergewöhnlich artenreichen Berglandschaft mit zahlreichen weiteren kleinen Seen, Mooren und Alpweiden.
Für Wandernde ist der Cadagnosee ein schöner Zwischenhalt auf der Rundtour. Wer sich für Natur und Wissenschaft interessiert, entdeckt hier zudem eine verborgene Welt, die sich dem blossen Auge kaum erschliesst.
Die Dreiseenwanderung – Ein Klassiker im Val Piora
Die drei Seen lassen sich auf der beliebten Dreiseenwanderung miteinander verbinden. Die klassische Route führt vom Ritomsee zum Tomsee und weiter zum Cadagnosee, bevor es zurück zum Ausgangspunkt geht.
Die Wanderung ist rund 12 Kilometer lang und dauert ungefähr vier bis viereinhalb Stunden. Ausgangspunkt ist die Bergstation der Ritombahn beziehungsweise die Region des Ritomsees. Je nach Wegführung und Variante sind einige Höhenmeter zu bewältigen.
Die Route führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit Bergwäldern, Weiden, Felsen und kleinen Gewässern. Die Höhenlage und die Auf- und Abstiege verlangen eine gewisse Grundkondition. Gutes Schuhwerk und eine der Witterung angepasste Ausrüstung sind empfehlenswert. Die tatsächlichen Bedingungen können je nach Jahreszeit variieren.
Wer es gemütlicher angehen möchte, kann auch einzelne Abschnitte erkunden oder den Naturlehrpfad am Ritomsee wählen. Dieser führt durch die abwechslungsreiche Landschaft und vermittelt Wissenswertes über die Natur der Region.
Eine Sage aus dem Val Piora – Die kleinen Wesen und die süsse Alpensahne
Wo sich im Sommer das Vieh auf den Alpweiden verteilt und die Sennhütten zwischen den Bergen liegen, entstehen seit Jahrhunderten Geschichten. Auch aus dem Val Piora ist eine Erzählung über geheimnisvolle kleine Wesen überliefert.
In einer regionalhistorischen Darstellung werden die sogenannten «Ometti», kleine Männchen aus der lokalen Sagenwelt, erwähnt. Sie sollen besonders listig gewesen sein und allerlei Tricks angewendet haben, um in die Sennhütten einzudringen. Ihr Ziel: die frische Sahne, von der sie angeblich nicht genug bekommen konnten.
Die Vorstellung passt gut in die Welt der alten Alpenwirtschaft. In abgelegenen Tälern gehörten die Sennhütten zum Alltag, und Milch, Rahm, Butter und Käse waren wertvolle Lebensmittel. Wenn Vorräte verschwanden oder unerklärliche Dinge geschahen, boten Geschichten über kleine Bergwesen eine fantasievolle Erklärung.
Ob die Erzählung im Val Piora an einem bestimmten Ort oder an einem bestimmten See angesiedelt war, lässt sich aus der überlieferten Quelle nicht eindeutig ableiten. Sie ist deshalb eher als Teil der regionalen Sagenwelt zu verstehen und nicht als eine Legende, die ausdrücklich dem Ritom-, Tom- oder Cadagnosee zugeordnet werden kann.
Gerade das macht sie reizvoll: Zwischen den stillen Seen, den alten Alpgebäuden und den weiten Weiden lässt sich leicht vorstellen, wie solche Geschichten früher am Abend erzählt wurden – vielleicht nach einem langen Tag auf der Alp, während draussen der Wind über die Berge strich.
Das Val Piora – Ein Naturparadies im Tessin
Die Region rund um die drei Seen gehört zu den eindrucksvollsten Landschaften des Tessins. Das Hochtal beherbergt zahlreiche Bergseen, Moore, Wälder und artenreiche Alpweiden. Im Sommer verwandeln Blumen und Kräuter die Wiesen in einen farbenfrohen Berggarten. Bekannt ist die Gegend ausserdem für den würzigen Piorakäse, der auf den örtlichen Alpen hergestellt wird.
Ob man die steile Ritombahn nimmt, am Ufer des Ritomsees spaziert, den weissen Dolomitstrand am Tomsee bewundert oder die geheimnisvollen Wasser des Cadagnosees entdeckt: Das Val Piora bietet viele Gründe, länger zu bleiben.
Mein Tipp: Plane genügend Zeit ein, um nicht nur die Wanderung zu absolvieren, sondern auch einmal stehen zu bleiben. Die Schönheit dieser Bergwelt zeigt sich oft in den kleinen Dingen – im Spiegelbild eines Gipfels im Wasser, im hellen Gestein am Seeufer oder in einer alten Geschichte, die von den Menschen erzählt, die hier oben seit Generationen leben.














