Mitten im Lago Maggiore liegen zwei kleine Inseln, die wirken, als hätte der Süden hier ein geheimes Versteck gefunden.
Palmen ragen in den Himmel, Bambus raschelt im Wind, Kamelien und Rhododendren blühen, Eukalyptusbäume verströmen ihren würzigen Duft. Dazwischen führen schmale Wege durch üppiges Grün, vorbei an Felsen und immer wieder hinunter zum See.
Die Brissago-Inseln sind ein botanisches Wunder – und einer jener Orte im Tessin, an denen man für einige Stunden vergessen kann, dass man sich überhaupt in der Schweiz befindet.
Die beiden Inseln heissen Isola Grande, auch San Pancrazio genannt, und Isola Piccola, die den Namen Sant’Apollinare oder Isola dei Conigli trägt. Nur die grössere Insel ist für Besucher zugänglich. Auf ihr befindet sich der Botanische Garten des Kantons Tessin.
Ein Garten auf einer Insel
Das Geheimnis dieser ungewöhnlichen Pflanzenwelt liegt im Klima.
Die Brissago-Inseln profitieren vom insubrischen Klima: Der Lago Maggiore speichert im Sommer Wärme und gibt sie im Winter wieder ab, während die Alpen die Inseln schützen. Dadurch entsteht ein aussergewöhnlich mildes Mikroklima.
Mit einer Jahresmitteltemperatur von rund 14 Grad gehören die Inseln zu den wärmsten Orten der Schweiz. Pflanzen können hier im Freien wachsen, die man sonst eher am Mittelmeer oder in subtropischen Regionen erwarten würde.
Und so wird der Spaziergang zu einer kleinen Reise um die Welt.
Ein Weg führt durch mediterrane Vegetation, ein anderer erinnert an Australien. Dann tauchen Pflanzen aus Südafrika auf, später aus Amerika oder Asien.
Man muss dafür nicht ins Flugzeug steigen.
Man braucht nur ein Schiff.
Die Insel der Baronin
Der heutige Garten ist eng mit einer aussergewöhnlichen Frau verbunden: Antoinette de Saint Léger.
1885 erwarben sie und ihr Mann die Brissago-Inseln. Die Baronin begann, aus der damals felsigen Insel einen exotischen Garten zu schaffen. Sie liess Erde auf die Insel bringen, Wege anlegen und seltene Pflanzen aus verschiedenen Teilen der Welt setzen.
Was heute wie ein natürlich gewachsenes Paradies erscheint, war also zu einem grossen Teil das Werk eines Menschen mit einer ungewöhnlichen Vision.
Die Baronin lebte auf der Insel wie in einem eigenen kleinen Königreich.
Künstler und Schriftsteller kamen zu Besuch. Die Insel wurde zu einem Treffpunkt der damaligen Kulturszene. Und mit jedem neuen Gewächs wurde aus dem Felsen im See ein immer exotischerer Garten.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade eine so eigenwillige Persönlichkeit diesen Ort geprägt hat.
Die Inseln waren schon immer ein wenig anders.
Eine Villa wie aus einem Roman
Später kam Max Emden.
Der Hamburger Warenhausmillionär erwarb die Inseln 1927 und liess das bestehende Haus weitgehend durch einen prachtvollen Neubau ersetzen. Unter dem Berliner Architekten Alfred Breslauer entstand die heutige Villa Emden im neoklassizistischen Stil.
Carrara-Marmor, kunstvolle Intarsien und eine Orangerie machten aus der Insel einen privaten Rückzugsort von grosser Eleganz.
Wenn man heute durch den Garten spaziert, begegnet man deshalb nicht nur Pflanzen.
Man begegnet auch den Spuren jener Menschen, die sich hier ihren ganz persönlichen Traum vom Paradies erschufen.
Die Hexen von Brissago
Doch ein Ort wie dieser wäre im Tessin kaum vollständig ohne eine Legende.
Und die Brissago-Inseln haben ihre Hexen.
Eine alte Überlieferung erzählt, dass die Hexen von Brissago für die heftigen Regenfälle verantwortlich seien. Wenn Sonne und Regen gleichzeitig über der Landschaft liegen, sollen die Hexen irgendwo im Verborgenen ihre Wäsche waschen.
Ein eigentümliches Bild.
Die Sonne scheint über den See, während gleichzeitig schwere Tropfen auf die Blätter fallen. Der Regen zieht über die Berge, Nebel steigt auf und der Lago Maggiore beginnt zu glänzen.
Vielleicht sind es dann gerade die Hexen, die irgendwo zwischen Palmen und Bambus ihre Wäsche zum Trocknen aufhängen.
Die Geschichte ist natürlich eine Sage – aber sie passt erstaunlich gut zu diesem Ort. Denn ohne den vielen Regen wäre das üppige Grün der Brissago-Inseln kaum denkbar.
Und wer weiss?
Vielleicht ist der nächste Sommerregen tatsächlich nur ein Zeichen dafür, dass die Hexen wieder unterwegs sind.
Ein Garten voller Geheimnisse
Wer tiefer in den botanischen Garten eindringt, entdeckt Pflanzen, die selbst Geschichten erzählen.
Es gibt Bereiche mit mediterranen Pflanzen, Gewächse aus Australien, Neuseeland, Südafrika, Amerika und Asien. Besonders geheimnisvoll wirkt der Bereich „Symbole, Mythen und Magie“.
Hier begegnet man Pflanzen, die in der Geschichte mit Heilkunst, Ritualen, Aberglauben und sogar Hexerei verbunden wurden. Der Schierling etwa erlangte einen tödlichen Ruf und wurde mit esoterischen Praktiken in Verbindung gebracht.
Zwischen dichtem Grün, alten Bäumen und feuchtem Schatten bekommt der Begriff „Zaubergarten“ plötzlich eine ganz eigene Bedeutung.
Eine Insel mit sehr alter Geschichte
Die Geschichte der Brissago-Inseln beginnt allerdings lange vor Baronin Saint Léger.
Archäologische Funde belegen eine Besiedlung spätestens seit der Römerzeit. Im Mittelalter standen auf den Inseln sogar zwei Kirchen. Zeitweise besassen die Bewohner eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber den Herrschern von Mailand und später gegenüber der Eidgenossenschaft.
Es gab sogar Pläne, auf den Inseln eine Dynamitfabrik zu errichten. Das Nitroglycerin hätte für den Bau des Gotthardtunnels verwendet werden sollen. Die Idee wurde jedoch nie verwirklicht.
So viele Geschichten auf so wenig Land.
Die kleine Insel im Schatten der grossen
Von der Isola Grande fällt der Blick immer wieder auf die kleinere Insel.
Die Isola Piccola ist weitgehend naturbelassen und heute nicht für Besucher geöffnet. Sie trägt auch den Namen Sant’Apollinare oder Isola dei Conigli.
Dadurch bleibt sie ein wenig geheimnisvoll.
Man kann sie vom Boot oder vom Ufer aus betrachten, aber nicht einfach durch ihre Vegetation spazieren.
Vielleicht ist das ganz passend.
Denn ein kleines Geheimnis sollte man manchmal auch Geheimnis bleiben lassen.
Eine Reise, die nur zwanzig Minuten dauert
Die Brissago-Inseln sind von Ascona aus bequem mit dem Schiff erreichbar. Die Überfahrt dauert ungefähr 20 Minuten. Schon während der Fahrt verändert sich die Perspektive.
Der Lärm des Ufers bleibt zurück.
Der See wird weiter.
Die Berge rücken in den Hintergrund.
Und vor einem tauchen die Inseln auf – grün, dicht bewachsen und fast unwirklich.
Dann legt das Schiff an.
Man steigt aus.
Und plötzlich beginnt eine kleine Reise um die Welt.
Wenn der See still wird
Am schönsten sind die Brissago-Inseln vielleicht nicht dann, wenn man möglichst viel gesehen hat.
Sondern wenn man irgendwann einfach stehen bleibt.
Unter einer Palme.
Neben einem alten Baum.
Am Ufer des Lago Maggiore.
Das Wasser glitzert zwischen den Blättern, irgendwo ruft ein Vogel, und über den Bergen ziehen Wolken auf.
Vielleicht kommt gleich ein Sommerregen.
Vielleicht waschen die Hexen von Brissago gerade ihre Wäsche.
Und während die ersten Tropfen auf die exotischen Blätter fallen, merkt man, was diesen Ort so besonders macht:
Die Brissago-Inseln sind nicht einfach ein botanischer Garten.
Sie sind ein kleines Stück Süden, das mitten im See gestrandet ist – und vielleicht ein Ort, an dem Natur, Geschichte und Legende noch immer miteinander flüstern.
















