Es gibt Orte im Tessin, die wirken, als wären sie aus einer alten Erzählung herausgefallen. Foroglio gehört dazu.

Am Ende eines kleinen Seitentals stürzt das Wasser mit gewaltiger Kraft rund 110 Meter über dunkle Felsen hinunter. Es sprüht, schäumt und donnert, bevor es sich unten seinen Weg durch das steinerne Tal sucht.

Doch der Wasserfall ist nicht allein.

Direkt daneben liegt Foroglio, ein kleines Dorf aus grauem Stein, dessen Häuser sich eng um die alte Kirche aus dem 15. Jahrhundert schmiegen. Dahinter steigen die steilen Hänge des Bavonatals empor.

Man hat hier das Gefühl, dass die Zeit langsamer fliesst.

Und vielleicht ist genau das der Zauber von Foroglio.

Wo zwei Gletscher das Tal formten

Der Wasserfall ist kein Zufall der Natur.

Seine Entstehung reicht weit zurück in die Eiszeit. Nach der Erklärung des Tessiner Geologen und Historikers Bruno Donati entstand der markante Höhenunterschied durch das Zusammentreffen zweier Gletscher: Der grosse Gletscher des oberen Bavonatals traf auf einen kleineren Gletscher, der aus dem Calnègiatal herabkam.

Als sich das Eis vor rund 10'000 Jahren zurückzog, blieben zwei unterschiedlich hohe Talstufen zurück.

Zwischen ihnen entstand das, was heute Foroglio so unverwechselbar macht:

ein Wasserfall, der ein höher gelegenes Seitental mit dem Haupttal verbindet.

Das Wasser erzählt damit eine Geschichte, die viel älter ist als jedes Haus, jede Kirche und jeder Mensch, der hier gelebt hat.

Das Dorf am Fuss des Wassers

Foroglio selbst wirkt beinahe wie ein Bühnenbild.

Dunkle Natursteinmauern, alte Dächer, kleine Wege und die Kirche bilden ein Ensemble, das eng mit der Landschaft verbunden ist. Nichts wirkt zufällig.

Die Bauern des Bavonatals lebten einst nach dem Rhythmus der Jahreszeiten. Im Frühling kamen sie mit ihrem Vieh ins Tal, bewirtschafteten die mageren Wiesen und zogen im Herbst wieder zurück.

Die Sommermonate waren kurz.

Jeder Quadratmeter Boden musste genutzt werden.

Zwischen Felsen und steilen Hängen entstanden kleine Maiensässe, Ställe, Heuschober und Unterstände. Selbst die unwirtlichsten Winkel wurden Teil dieser bäuerlichen Welt.

Wer heute durch Foroglio und das Calnègiatal wandert, entdeckt noch überall ihre Spuren.

Die geheimnisvolle Splüia Bela

Oberhalb des Wasserfalls führt ein Weg hinauf ins Calnègiatal. Zwischen Felsblöcken, steilen Wänden und mageren Wiesen tauchen immer wieder alte Steinhütten auf.

Eine der eindrücklichsten ist die Splüia Bela.

Unter einem mächtigen Felsen fanden Hirten und Ziegen Schutz vor Wetter und Kälte. Es ist ein Ort, der zeigt, wie eng die Menschen früher mit dem Berg leben mussten.

Kein Komfort.

Kein Strom.

Kein Mobilfunk.

Nur Stein, Holz, Tiere und die Erfahrung, die man brauchte, um in dieser rauen Landschaft zu bestehen.

Vielleicht liegt gerade darin eine der grossen Schönheiten des Bavonatals: Die Natur wurde nicht bezwungen. Man lernte, mit ihr zu leben.

Die Sage vom Wasserfall

Um Foroglio ranken sich verschiedene Geschichten und Erzählungen. Eine der bekanntesten Vorstellungen des Bavonatals erzählt von den Hexen und geheimnisvollen Gestalten, die sich in den abgelegenen Tälern und Schluchten aufhielten.

In der traditionellen Vorstellungswelt des Tessins waren Wasserfälle, Felsklüfte und abgelegene Alpen keine gewöhnlichen Orte. Wo Nebel aufstieg, Wasser donnerte und die Sonne nur selten den Talgrund erreichte, vermutete man leicht eine andere, verborgene Welt.

So erzählt man sich auch, dass die Gegend um Foroglio einst von geheimnisvollen Frauen bewohnt wurde, die sich an den abgelegenen Orten des Tals aufhielten und mit den Kräften der Natur verbunden waren.

Ob diese Geschichten tatsächlich auf eine alte, klar überlieferte Sage zurückgehen oder später mit der geheimnisvollen Landschaft verbunden wurden, lässt sich nicht eindeutig belegen.

Aber vielleicht muss man das hier auch nicht.

Denn wenn am Abend der Schatten über die Felsen wandert, der Wasserfall im letzten Licht silbern aufleuchtet und aus der Schlucht sein unaufhörliches Rauschen heraufsteigt, versteht man, warum die Menschen diesem Ort schon immer etwas Geheimnisvolles zugeschrieben haben.

Die Kornspeicher auf Pilzen

Wer genauer hinsieht, entdeckt im Dorf weitere Zeugen der Vergangenheit.

Die sogenannten Torbe sind kleine traditionelle Gebäude, die früher zur Lagerung und Trocknung von Getreide dienten. Ihr auffälligstes Merkmal sind die steinernen Stützen mit pilzförmigen Platten, auf denen der hölzerne Speicher ruht.

Die Konstruktion hatte einen praktischen Zweck: Das Getreide sollte vor Feuchtigkeit und vor Nagetieren geschützt werden.

Heute wirken diese kleinen Gebäude fast märchenhaft.

Doch hinter ihrer ungewöhnlichen Form steckt keine Legende, sondern jahrhundertealtes bäuerliches Wissen.

Auf den Spuren von Plinio Martini

Das Bavonatal hat auch einen bedeutenden Schriftsteller hervorgebracht: Plinio Martini.

In seinem berühmten Roman Il fondo del sacco – auf Deutsch Nicht Anfang und nicht Ende – beschreibt er das harte bäuerliche Leben im Tessin und die Armut, die viele Menschen dazu zwang, ihre Heimat zu verlassen.

Wer heute durch Foroglio wandert, kann sich noch vorstellen, welche Welt Martini vor Augen hatte.

Die steilen Hänge.

Die kleinen Felder.

Die alten Steinhäuser.

Die langen Winter.

Und die Menschen, die dem Berg mit jedem Stück kultivierter Erde ein wenig Lebensraum abtrotzten.

Ein Weg durch ein steinernes Paradies

Wer mehr als nur den Wasserfall sehen möchte, kann von Foroglio ins Calnègiatal wandern.

Der Weg führt zunächst steil am Wasserfall vorbei nach oben. Danach öffnet sich das Tal und gibt den Blick auf eine Landschaft frei, die von Gletschern, Wasser und den Kräften der Natur geformt wurde.

Überall liegen riesige Felsblöcke. Kleine Bäche verschwinden zwischen Steinen. Alte Mauern ziehen sich durch die Hänge, und dazwischen stehen die Spuren jener Menschen, die hier während der Sommermonate lebten.

Bei Puntid lohnt sich der Abstecher zur Splüia Bela. Später führt der Weg weiter nach Calnégia, der letzten Siedlung vor dem steilen Aufstieg zu den höher gelegenen Alpen.

Dort endet der einfache Teil der Wanderung.

Der weitere Weg gehört erfahrenen und gut ausgerüsteten Berggängern.

Und unten rauscht immer das Wasser

Nach der Wanderung zurück in Foroglio zu kommen, ist wie eine Rückkehr in die Gegenwart.

Wieder hört man das Donnern des Wasserfalls.

110 Meter Wasser stürzen über den Fels.

Im Sommer liegt feiner Sprühnebel in der Luft, und wenn die Sonne richtig steht, kann sich über dem Wasser ein Regenbogen bilden.

Direkt am Wasser sollte man vorsichtig sein: Die Felsen können glatt sein und die Strömung gefährlich. Auch das Baden in den Tümpeln beim Wasserfall ist nicht ungefährlich.

Besser ist es, sich einen Platz zu suchen, an dem man einfach nur sitzen und zuhören kann.

Ein Stück Tessin, das geblieben ist

Foroglio ist kein Ort, den man nur wegen eines Wasserfalls besucht.

Man kommt wegen des Wassers – und bleibt wegen der Geschichte.

Wegen der alten Steinhäuser.

Wegen der kleinen Kirche.

Wegen der Torbe.

Wegen der vergessenen Wege der Bauern, die einst mit ihren Tieren in die Berge zogen.

Und vielleicht auch wegen dieses eigenartigen Gefühls, dass hier etwas erhalten geblieben ist, das anderswo längst verschwunden ist.

Wenn am Abend das Licht schwächer wird, verschwindet das Dorf langsam im Schatten der Berge. Nur der Wasserfall bleibt hell und lebendig.

Er rauscht weiter, wie er es seit Jahrtausenden tut.

Vielleicht ist das die schönste Legende von Foroglio überhaupt:

Dass der Berg sich erinnert – und das Wasser seine Geschichten weitererzählt.

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