Am Fuße der steilen Klippen des Capo Caccia, wo das Meer in tiefem Blau gegen den Fels schlägt, öffnet sich ein Tor in eine andere Welt: die Grotte di Nettuno, Sardiniens funkelnder Kristallpalast, den – so will es die Legende – der Meeresgott höchstpersönlich erschuf, um sich hier niederzulassen.

Doch um ihn zu erreichen, muss man zunächst den Weg der Pilger gehen: 654 Stufen einer steilen Treppe, die wie an den Himmel genagelt scheint, führen in die Tiefe. Die Escala del Cabirol, die „Rehleiter“, windet sich schwindelerregend die Felswand hinab – jeder Schritt ein Abstieg in den Schoß der Erde, begleitet vom Atem des Meeres. Wer es bequemer mag, fährt mit dem Boot direkt vor den Eingang – doch auch auf dem Wasser fühlt man, wie das Herz schneller schlägt, wenn sich die schwarze Höhle auftut.

Ein Reich aus Stein und Stille

Drinnen beginnt das Spiel der Elemente. Aus den Decken hängen filigrane Tropfsteine, wie Orgelpfeifen, wie gefrorene Wasserfälle, die seit Jahrtausenden wachsen – unermüdlich, Tropfen für Tropfen. Kalksinter überzieht die Wände in geheimnisvollen Schichten, als hätte der Gott der Tiefe seine Gemächer mit Perlmutt ausgekleidet.

Und dann, ganz plötzlich, öffnet sich der Blick: ein unterirdischer See, 120 Meter lang, ein stiller Spiegel, der direkt mit dem Meer verbunden ist. Sein Wasser atmet im Rhythmus der Gezeiten, sanft und geheimnisvoll, als würde Poseidon selbst dort unten seinen Schlaf halten.

Die Führung führt nur wenige hundert Meter in das verzweigte System – doch das, was man sieht, genügt, um den Glauben an Mythen zurückzugeben. Man lauscht den Lautsprechern, die auf Italienisch, Englisch und Deutsch erzählen, doch eigentlich ist es die Höhle selbst, die spricht: mit Tropfen, mit Echo, mit Stille.

Die Poesie des Abgrunds

Die Grotte di Nettuno ist kein bloßes Naturdenkmal, sondern ein Ort, an dem sich Märchen und Geologie untrennbar verweben. Die Menschen haben ihr den Namen des Meeresgottes gegeben – und tatsächlich, wer hier steht, spürt seine Gegenwart. Man glaubt fast, er könnte aus den Schatten steigen, den Dreizack in der Hand, um sein Reich zu prüfen.

Draußen tost das Mittelmeer, ungestüm und wild. Drinnen regiert die Ewigkeit: Tropfen, die zu Stein werden, Licht, das auf dem Wasser tanzt, und ein Schweigen, das mehr erzählt als jede Geschichte.

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Die Neptungrotte von Alghero ist ein Ort der Schwelle zwischen Meer und Erde, Mythos und Natur. Wer die steinernen Stufen hinabsteigt oder mit dem Boot durch den schwarzen Eingang gleitet, taucht ein in einen Kristallpalast, der nicht für Menschen gemacht scheint, sondern für die Götter selbst.

 

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