Die Wanderung startet ganz entspannt im Dorf Moos, dort, wo die Uhren noch ein wenig langsamer ticken und der Himmel näher scheint. Der Pfad führt zunächst sanft absteigend über eine hölzerne Brücke, die sich elegant über die Passer spannt – gleich neben der modernen Straßenbrücke, die fast ein wenig fehl am Platz wirkt in dieser Landschaft, die eher nach Aquarell als nach Asphalt aussieht.

Wenig später weist ein kleines Schild mit der Aufschrift „Zum Wasserfall“ nach links – und schon bald betritt man einen anderen Raum: Der Weg verläuft beinahe eben durch Wald und über saftig grüne Wiesen, wo sich Licht und Schatten in einem Spiel verlieren, das an alte Märchen erinnert. Die Welt wird stiller, nur das stetige Rauschen in der Ferne kündigt an, was bald bevorsteht.

Donner und Gischt – der Stieber zeigt sich

Nach kaum 30 Minuten erreicht man die hölzernen Brücken am unteren Teil der Wasserfallschlucht. Und dann ist er da: der Stieber Wasserfall. Mit donnerndem Getöse stürzt sich das Wasser in zwei gewaltigen Sprüngen – zuerst 19 Meter, dann weitere 18 Meter – in die Tiefe. Gischt hängt in der Luft wie glitzernde Schleier, und man kann kaum glauben, dass all dies "nur" ein Gebirgsbach ist. Es wirkt, als würde hier ein urzeitlicher Titan mit der Landschaft sprechen.

Man steht da, staunend, vielleicht ein wenig demütig. Die Kraft der Natur ist hier nicht nur sichtbar – sie ist spürbar. Sie rauscht in den Ohren, legt sich feucht auf die Haut und lässt die Gedanken verstummen.

Schwefel, Geschichte und eine Einkehr im Grünen

Wer sich losreißen kann von diesem Spektakel, wandert noch etwa zehn Minuten weiter zum Gasthaus Bad Sand, wo nicht nur herzhafte Südtiroler Kost wartet, sondern auch eine Schwefelquelle, der das einstige Heilbad seinen Namen verdankt. Der schweflige Duft in der Luft erzählt von alten Kuren und langen Sommern, als man hier zur Erholung weilte, lange bevor das Wort „Wellness“ erfunden war.

Der Rückweg erfolgt über denselben Pfad – oder aber, wer den Tag noch etwas ausdehnen möchte, nimmt den alten Fußweg hinauf zur Fraktion Platt und folgt anschließend dem Fitnessweg zurück nach Moos. Diese Variante dauert rund 1,5 Stunden länger, bietet aber weitere Aussichten, stille Waldeinsamkeit und eine Extraportion frische Bergluft.

Ein Wasserfall wie ein Herzschlag

Der Stieber Wasserfall ist kein Ort, den man einfach besucht – er ist ein Ort, den man erlebt. In seinem tosenden Fall erzählt er von Kraft und Zeit, von Gestein und Wasser, von Natur, die nicht gebändigt, sondern nur bestaunt werden kann.

Wanderinfo:
🔹 Startpunkt: Moos in Passeier
🔹 Gehzeit bis zum Wasserfall: ca. 30 Min.
🔹 Höhenunterschied: gering, familienfreundlich
🔹 Highlights: Stieber Wasserfall, Schwefelquelle, Gasthaus Bad Sand
🔹 Optionale Verlängerung: Rundweg über Platt (ca. 1,5 Stunden zusätzlich)

Ein Ort, wo das Wasser nicht fließt – sondern fliegt. Wo Steine glänzen wie Träume. Wo die Stille aus der Ferne kommt und in Form von donnerndem Wasser ankommt.

 

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